Chlorierte Kohlenwasserstoffe: Mehr Öffentlichkeit ist nötig

Einleitung

CKW (chlorierte Kohlenwasserstoffe) sind aus dem Fokus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Früher fürchtete man sie wegen ihrer zerstörerischen Wirkung auf die Ozonschicht und der Gesundheit der Menschen, die mit ihnen arbeiteten. Diese Probleme wurden nach dem Inkrafttreten des Umweltschutzgesetzes 1983 weitgehend gelöst. Allerdings wurden während Jahrzehnten CKW buchstäblich vom Erdboden verschluckt und tauchen heute als Verunreinigungen im Grundwasser wieder auf. Im Messnetz des Bundes zur Überwachung des Grundwassers (NAQUA) findet man in gut 30 % aller Messstationen CKW im Grundwasser. Die Sanierung von CKW-Altlasten ist extrem schwierig und teuer. Darum verschliessen viele Menschen und Firmen vor diesem Problem die Augen. Das ist individuell sogar rational. Für die Gemeinschaft ist es fatal. Mehr Öffentlichkeit ist gefragt.

Die Karriere der CKW

Zwischen der ersten Synthese von CKW wie beispielsweise Perchlorethylen (PER) 1821 durch Michael Faraday und dem ersten Einsatz in der Textilreinigung 1923 sind fast 100 Jahre vergangen. Ihr hohes Lösungsvermögen für Öle und Fette, die geringe Flammbarkeit und relativ hohe Flüchtigkeit verhalfen den CKW schnell zu einem Siegeszug vor allem in der Textilreinigung und bei der Entfettung von Metallen. Erst in den 1970er Jahren wurden ihre schädlichen Wirkungen entdeckt. So wirkt PER bei Menschen möglicherweise karzinogen. Die chronische Aufnahme kann zu Leber und Nierenstörungen sowie nervösen Störungen führen.

Als Folge des Umweltschutzgesetzes 1983 existieren heute in der Schweiz praktisch nur noch Anlagen, aus denen keine CKW mehr unkontrolliert austreten können. Damit war die Gefahr aber nicht gebannt. Im Messnetz des Bundes zur Überwachung des Grundwassers (NAQUA) findet man in gut 30 % aller Messstationen CKW im Grundwasser. In den meisten Fällen dürfte vor Jahrzehnten im Boden versickertes CKW die Quelle sein. Darum stehen heute alle ehemaligen Standorte von Entfettungsanlagen und chemischen Reinigungen aber auch Malereien, Druckereien und Färbereien unter Generalverdacht.

CKW im Boden

Das liegt an den unangenehmen Erfahrungen, die mit CKW gemacht wurden. Ursprünglich war angenommen worden, dass CKW rasch verdunsten und hauptsächlich eine Gefahr für die Luft darstellen. Heute weiss man, dass CKW sogar aus Abluftanlagen wieder kondensieren können. CKW können an Rohrleitungen innerhalb des Mauerwerks entlanglaufen. Es sind Fälle bekannt, in denen sie über mehrere Stockwerke hinab in den Boden gelangten. Auf dem Weg in den Untergrund können CKW auch gut verdichteten Beton problemlos durchdringen. Sogar versiegelter Beton bewirkt keine Rückhaltung.

Ausreichend sind nur Edelstahlabdeckungen. Der Ort, an dem die CKW in den Boden eindringen, kann also weit vom ursprünglichen Verwendungsort entfernt sein. Einmal im Boden angelangt, können CKW relativ schnell wandern. Sie haben nämlich eine geringe Viskosität. Sie sickern auch erheblich tiefer in den Untergrund ein als andere organische Lösemittel, weil sie fast doppelt so schwer wie Wasser sind. Dabei ist ihre Wanderungsgeschwindigkeit stark von der Bodenbeschaffenheit abhängig. Im Karst (also z.B. im Jura) wandern sie sehr schnell durch Risse im Fels. An feinem Sand adsorbieren sie sehr stark und bleiben „hängen“. Normale Kohlenwasserstoffe (Öle, Benzin etc.) werden im Boden von Bakterien abgebaut und sind nach ca. 50-100 Jahren in der Regel verschwunden. CKW werden praktisch nicht abgebaut. Irgendwann erreichen sie das Grundwasser. Weil sie so schwer sind, sacken sie grösstenteils sogar durch das Grundwasser und können sich auf dem Grundwasserstauer ansammeln und dort kleine „Seen“ bilden. Von dort verteilen sie sich dann weiter, über viele Jahre hinweg. CKW wie PER sind wenig wasserlöslich. In einem Liter Wasser lösen sich nur 1,5 g PER. Diese Menge genügt aber, um 37'500 Liter Wasser ungeniessbar zu machen.

Der Sanierungsfall

Wegen ihrer speziellen Eigenheiten ist es sehr schwierig, die Kosten einer CKW-Sanierung abzuschätzen. In den meisten Fällen liegen sie über CHF 500'000.-. Einen Extremfall stellt eine ehemalige chemische Reinigung im Kanton Zürich dar. Auch nach 25 Jahren Sanierung war kein signifikanter Erfolg festzustellen. Die Belastung des Grundwassers mit PER hatte sich nicht signifikant verbessert. Dabei sagt die Betriebsdauer einer Anlage nicht unbedingt etwas über die Schwere der Verschmutzung aus. Generell sind bei CKW Vorhersagen aufgrund einfach zu ermittelnder Kriterien wie Betriebsdauer, jährlich zugekaufte Menge CKW, Grösse der eingesetzten Anlagen etc. schwierig.

Die Sanierung kann den Eigentümer in den Konkurs treiben. Darum ist es für den Eigentümer rational, nichts zu untersuchen, solange er nicht muss: „Lieber in 10 Jahren Konkurs gehen als heute Konkurs gehen“. Aus Sicht der Allgemeinheit sieht die Lage anders aus. Je länger nichts getan wird, desto mehr breitet sich die Belastung aus und gefährdet immer grössere Bereiche. Je länger nichts getan wird, desto teurer wird die Sanierung. Darum liegt es in aller Interesse, dass rasch gehandelt wird.

Die Situation kann nicht vom Individuum allein gelöst werden. Der Staat sollte Rahmenbedingungen setzen und Subventionen geben, so dass alle vorhandenen CKW-Belastungen so rasch wie möglich saniert werden.